Blogger-Interview 6: Christiane Schulzki-Haddouti, KoopTech

13. Oktober 2008

“Die Revolution des WWW”

Eines der Blogs, die ich seit langem regelmäßig lese, ist „KoopTech“ von Christiane Schulzki-Haddouti. Es bietet einen sehr guten Überblick über Medien, Tools und Techniken im Web 2.0. Das KoopTech-Blog hat Christiane im Sommer 2007 begleitend zur Analyse “Kooperative Technologien in Arbeit, Ausbildung und Zivilgesellschaft” eingerichtet. Seit dem Ende der Studie wird es von ihr privat weitergeführt.

Der Untertitel des Blogs heißt „Kooperative Technologien in der sozial-medialen Revolution“. Da muss der Leser schon einen Moment nachdenken. Was heißt das konkret?

Der Untertitel ist Beobachtung, Programm und Hommage zugleich. Er ist insofern Programm, als dass sich mein Blog mit allen möglichen Facetten dieser Entwicklung beschäftigen will. Der Begriff der “kooperativen Technologien” stammt aus der Studie, die das Institute of the Future unter anderem mit Howard Rheingold 2005 verfasst hat. Sie beschäftigt sich mit “technologies of cooperation” und versteht darunter die Vielzahl an digitalen Werkzeugen, die wir nutzen, um miteinander zu kommunizieren und zusammenzuarbeiten. Sowohl Titel und Untertitel sind insofern auch eine Hommage an die wegweisenden Arbeiten von Howard Rheingold.

Das was heute gerne mit “Social Software”, “Social Media” oder “Web 2.0″ bezeichnet wird, ist eine Weiterentwicklung des Internet, das von vornherein auf Kommunikation, Kooperation und Koordination ausgelegt war. Beobachter sagen, dass etwa der Begriff Web 2.0 eine evolutionäre Entwicklung des World Wide Webs widerspiegelt. Ich sehe darin jedoch eine revolutionäre Entwicklung, die sich zwar über Jahrzehnte erstreckt, verglichen mit der Erfindung und Verbreitung des Buchdrucks jedoch rasend voranschreitet und inzwischen fast jeden Lebensbereich verändert. In unserer Analyse zeigen wir die Veränderungen exemplarisch in fünf Einsatzszenarien, nämlich für die Online-Redaktion, für das Wissensmanagement in Unternehmen, für Forschergruppen, für die Berufliche Bildung sowie für Nichtstaatliche Organisationen (NGOs).

Wie kamst du überhaupt zum Bloggen?

Lorenz Lorenz-Meyer war der Projektleiter unserer gemeinsamen “KoopTech”-Analyse, die wir eben abgeschlossen haben. Er hat mir das Blog quasi in der ersten Besprechungsrunde als To-Do “aufs Auge gedrückt”. Damals war ich sehr skeptisch. Ich hielt das Bloggen für Zeitverschwendung und konnte mich daher nur schwer mit dem Gedanken anfreunden in regelmäßigen Abständen einfach so mal was zu veröffentlichen. Außerdem wusste ich nicht so recht, was ich im Blog schreiben sollte. Studienergebnisse sollten es ja nicht sein.

So richtig gegriffen hat das, als ich auf die Idee kam, zu einigen Tools, die ich gesammelt und kategorisiert hatte, Übersichten zu schreiben. Damals kam tatsächlich eine kleine Diskussion mit Tool-Entwicklern zu Stande, die mich auf ihre Tools hinwiesen oder Angaben korrigierten.

Überzeugt hat mich das Bloggen allerdings erst, als ich die Reaktionen auf meine “8 Gegenargumente zu Wikis” erlebt habe. Das war die Art von Diskurs, die ich immer erhofft hatte. Rückblickend muss ich sagen, dass es allerdings etwas schwierig ist, ein Projektblog mit dieser Absicht zu führen. Denn fruchtbare Diskussionen setzen einen gewissen Bekanntheitsgrad voraus – und für den Aufbau des Blogs muss man schon eine Durststrecke von etwa sechs Monaten überwinden.

Inzwischen ist dein Blog ziemlich bekannt, deine Technorati-Authority liegt bei über 170. Wie hast du das geschafft?

Gute Frage. Da kann ich eigentlich nur mutmaßen. Ich denke, es ist eine Mischung aus nutzwertigen Beiträgen, Gastbeiträgen, Interviews und Analysen, die das Blog interessant machen. Wichtig scheint mir auch, dass man zeigt, dass man an der Meinung anderer wirklich interessiert ist. Ich hoffe jedenfalls, dass sich das Blog zu einer Art Ideenwerkstatt weiterentwickelt.

Du arbeitest viel mit Gastbeiträgen. Wonach suchst du deine Autoren aus? Was ist dir dabei wichtig?

Ich frage Autoren an, wenn ich meine, dass sie zu einer Fragestellung, die ich im Moment interessant finde, etwas Substanzielles beitragen können. Inzwischen gibt es auch Angebote für Gastbeiträge, die ich dann akzeptiere, wenn sie zum Themenspektrum des Blogs passen und dem Leser etwas Neues, Interessantes bieten. Für die Autoren lohnt sich die Veröffentlichung durchaus: Ihre Beiträge werden oft gelesen und lösen mitunter zahlreiche Reaktionen in anderen Blogs aus. Das Besondere ist wohl, dass ein Gastbeitrag meist nicht “on the fly”, sondern mit etwas mehr Herzblut geschrieben wrid.

Du bist freie Journalistin und arbeitest wissenschaftlich. Was bringt dir „KoopTech“ jetzt, nach Abschluss der Studie?

Für mich persönlich war die KoopTech-Analyse ein überfälliges Update zu aktuellen Entwicklungen, das auch einige überraschende Erkenntnisse mit sich brachte. Schön war es, im Gegensatz zum journalistischen Arbeiten, dass ich mich endlich etwas grundsätzlicher mit den Themen beschäftigen konnte, die mich nun schon seit über einem Jahrzehnt beschäftigen. Außerdem konnte ich mich mit der Frage beschäftigen, welche Perspektiven es für mich künftig als Journalistin geben wird. Das ist mir sehr wichtig, denn dass die Veränderungen in meinem Beruf umwälzend sind, konnte ich schon in den letzten fünf Jahren erfahren. Letztlich hat die Studie also einiges geklärt – und das ist in Zeiten des Umbruchs sehr wichtig.

Meine Abschlussfrage: Im Web 2.0, mit Twitter und anderen Medien, wird das Bloggen nach und nach regelrecht zu einem traditionellen, etablierten Medium. Wie wird sich das alles deiner Ansicht nach weiterentwickeln? Wirst du, werden wir alle in vier oder fünf Jahren noch genauso bloggen wie jetzt?

Das Bloggen wird sich für mich selbst vermutlich wenig ändern. Links habe ich schon immer über del.icio.us gepostet und nicht gebloggt. Twitter ermöglicht mir, auf Blogeinträge hinzuweisen, Friendfeed dokumentiert ebenfalls, was ich blogge. Daraus ergeben sich multiplikatorische Effekte. Mögliche Entwicklungsmöglichkeiten in den nächsten Jahren sehe ich in der gegenseitigen Vernetzung. Interessant wäre etwa ein Meta-Blog, das zu bestimmten Themen handausgesuchte Beiträge bündelt und das auch eine Vermarktung der Inhalte stemmen könnte.

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  1. Frank on 13. Oktober 2008 at 10:02

    Meta-Blog gibt es schon. Aber wozu dem 278sten Interview mit Mario Sixtus (nur der Herrgott wird wissen warum nur, warum) noch mehr leere Redundanz geben?

  2. Kerstin Hoffmann on 13. Oktober 2008 at 10:08

    Diesen Kommentar verstehe ich nicht ganz. Kannst du das bitte noch näher erläutern?

  3. [...] Mehr dazu und noch einiges mehr darüber, warum ich mit dem Blogger angefangen habe (”Schuld ist der Kollege.”) und was mir persönlich die KoopTech-Studie gebracht hat (”Mehr Einblick in meine berufliche Zukunft als Journalistin”) in Kerstins Storyboard, das übrigens “täglich frisch” mit interessanten Interviews, Hinweisen und sehr, sehr nützlichen Workshops bestückt wird! Tags: Interview, KoopTech [...]

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