Der Lokalteil, mein Zeitungsbote und ich

9. September 2008

Über meinem Zeitungsboten und mir hängt ein Damokles-Schwert. Er weiß es vermutlich schon – aber er weiß nicht, dass ich mit ihm leide. Wir kennen uns ja gar nicht. Wenn er seine Arbeit macht, bin ich gar nicht wach.

Grund der Bedrohung: Ich habe meine Tageszeitung mehrfach nicht mit dem abonnierten Lokalteil aus der benachbarten Großstadt bekommen. Vielmehr hat mir der Bote versehentlich die Ausgabe geliefert, die aus der Kleinstadt und den umliegenden Ortschaften berichtet, in der ich lebe. Das ist jedesmal morgens ein kleiner Schock, der den Frühstücksgenuss etwas mindert. Ich fühle mich irgendwie abgeschnitten – wobei der tatsächliche Informationsverlust wohl zu vernachlässigen ist. Aber immerhin lese ich die lokalen Nachrichten wirklich fast nur auf Papier.

Daher rufe ich dann beim Leserservice an, der gibt dem Boten eine Information. Die Tageszeitung wird innerhalb von Stunden nachgeliefert, und am nächsten Tag kommt dann auch wieder die richtige Ausgabe.

Aber heute war es anders. Die freundliche Mitarbeiterin im Callcenter wurde plötzlich sehr energisch: “So, das geht nicht mehr. Das ist ja gerade erst vergangene Woche passiert. Jetzt bekommt der Bote von mir die letzte Verwarnung.” Bei mir läuteten alle Alarmglocken: Letzte Verwarnung? Wegen meines Anrufes? Der arme Bote! – Ich habe erstens sowieso großen Respekt vor Menschen, die sehr früh aufstehen. Ich kann das nämlich nicht gut, schon gar nicht regelmäßig. Zweitens bin ich extrem dankbar dafür, dass jemand sich jeden Tag durch alle Wetterlagen kämpft, damit ich das bisschen gedruckte Papier bekomme, das ich für mein persönliches Wohlgefühl brauche.

Daher versuchte ich, die Sache zu entschärfen: “Letzte Verwarnung? Ach, bitte, nein! Das war ja noch gar nicht so oft. Außerdem kann man sich doch sehr leicht mal irren. Sowas passiert mir auch dauernd.” Die Telefondame ließ sich schließlich erweichen: “Gut, ich werde ihn noch einmal direkt informieren. Aber beim nächsten Mal geht das an seinen Chef.”

Mag sein, dass ich zu weichherzig bin. Aber mir war sofort klar, was diese Drohung für Konsequenzen hat. Ich werde wohl demnächst öfter die Kleinstadt-Ausgabe lesen. Zähneknirschend, aber immerhin in dem Bewusstsein, dass mein Zeitungsbote unbehelligt bleibt. Vielleicht mache ich ihm ab und zu mal einen Zettel an den Zeitungskasten. Schon beginne ich mir Sorgen zu machen, dass ihm ähnliche Versehen womöglich noch an anderer Stelle passieren und das Damokles-Schwert viel tiefer hängt als ich dachte. So entstehen persönliche Bindungen. Und mein Zeitungsbote weiß noch nicht einmal etwas davon. Er kennt mich nicht. Er ist lange weg, bevor ich aufstehe.

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2 Kommentare zu “ Der Lokalteil, mein Zeitungsbote und ich ”

  1. Frank H. aus Z. on 9. September 2008 at 09:59

    Vielleicht ist beim nächsten “Vorfall” ein netter Zettel am Briefkasten wirklich eine gute Idee, denn das wird sich der Bote bestimmt eher merken, als wenn ihn die Callcenter-Dame mal wieder anblökt. Ich hab auch viele Jahre Zeitung ausgetragen (vor der Schule, lang lang ists her) und dadurch viele verschiedenste Charaktere kennengelernt. Und natürlich auch verschieden reagiert. Da könnte ich Geschichten erzählen…

    …damals hätt ich gut einen Zeitungsausträger-Blog machen können. Aber da gab es noch nicht mal Web 1.0 und das Internet hiess noch ARPANET und war der gemeinen Bevölkerung nicht zugänglich.

    Ach wo ich gerade so am schwelgen bin: Da, wo 1989 das Web 1.0 (WWW) erfunden wurde, steigt genau morgen eines der grössten Experimente der Menschheit, inklusive Weltuntergangsvision. Stichworte CERN, LHC

  2. cdv! on 9. September 2008 at 11:43

    Kann meinem Vor-Kommentator nur beipflichten: Zettel an die Zeitungsbox und Kommunikation starten. Dann klappts vielleicht auch mit der richtigen Ausgabe.

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